Carema – das bestgehütete Weingeheimnis der Alpen
Reise- und Erntebericht von Roger E. Baumann, Oktober 2025
Carema ist weder eine Käsesorte noch eine Kamera-Marke, sondern eine kleine, geschichtsträchtige und ganz besondere Wein-Appellation im Nordwesten des Piemonts, an der Grenze zum Aostatal. Ich war im Oktober 2025 bei der Ernte in den steilen Rebbergen von Carema dabei – eine schweisstreibende Arbeit, die mit bester Aussicht und Alpen-Nebbiolo der Extraklasse belohnt wird.
Die Ursprünge der Appellation Carema reichen zurück bis in die Römerzeit, das Aostatal war ein strategischer Durchgangsort für Soldaten, Siedler und Händler aller Art. Noch heute führt der Pilgerweg Via Francigena von Nord nach Süd durch das Tal in Richtung Rom. Das Gebiet liegt nördlich der Olivetti-Stadt Ivrea, in einem vom Gletscher geformten Tal des Flusses Dora Baltea. Auf der östlichen Seite in einem gut exponierten, natürlichen Amphitheater, das vor kalten Nordwinden schützt, wachsen vornehmlich Nebbiolo-Trauben, der hier «Picotendro» genannt wird. Für die Weine der Appellation vorgeschrieben sind 85 bis 100 Prozent Nebbiolo, ergänzt mit lokalen Sorten wie Neretto und Ner d’Ala. Die Weine von Carema sind feingliedrig, intensiv, duftig und mineralisch, mit frischer alpiner Stilistik – sprich frischer Säure und belebenden Gerbstoffen – Waldbeeren- und Kräuterduft.
| «Carema – mehr Wand als Erde», Roberto Ferrando, Winzer
Die Hanglagen von Carema sind prädestiniert für den Weinbau, allerdings nicht ohne individuelle bauliche Nutzbarmachung, einer Landschaftsarchitektur, die bis heute einzigartig ist. Die Reben werden auf schmalen Terrassen nahe an die Trockensteinmauern gepflanzt, zu langen Spalieren aus Kastanienholzpfählen («toppia») gezogen und durch kegelstumpfförmige gepflasterte Steinsäulen («pilun») gestützt. Eine vom Mensch über Jahrhundert erbaute und gepflegte einmalige Kultur-Landschaft, die auch heute wahrhaft archaisch anmutet. «Carema – mehr Wand als Erde» beschreibt Winzer Roberto Ferrando das Gebiet – treffender kann ich es auch nicht sagen.
Das Alto Piemonte wie auch die Appellation Carema haben eine bewegte Geschichte. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts betrug die Rebfläche mehr als 120 Hektar. Weltwirtschaftskrise mit einhergehender Auswanderung, Reblaus, Weltkriege und nachfolgende Abwanderung in die Städte mit ihren Fabriken hatten verheerende Auswirkungen auf den Weinbau. Infolgedessen war die Anbaufläche bis 1967 auf gerade mal 38 Hektar geschrumpft. Carema geriet in eine relative Bedeutungslosigkeit und auch der Boom des Barolo Ende des 20. Jahrhunderts wurde verpasst. Die rührige Genossenschaft der Produttori sowie der einzige verbleibende private Erzeuger Ferrando bewahrten die Appellation jedoch vor dem kompletten Verschwinden. In den letzten Jahrzehnten war ein Grossteil der Waldflächen, die heute die Terrassen umgeben, mit Weinreben bepflanzt, doch später wurden diese Anbauflächen aufgegeben. Der Tiefpunkt wurde vor 10 Jahren erreicht – nur 14 Hektar blieben in Carema noch übrig. Dank dem immensen Engagement einer jungen Winzergeneration beträgt die Weinbaufläche heute wieder rund 25 Hektar, Tendenz leicht steigend.
| Eine junge Winzergeneration haucht Carema neues Leben ein
Die Wiederbelebung des Alto Piemonte blieb auch im nahegelegenen Carema im Canavese nicht unbeachtet und eine junge eingeschworene Winzertruppe hat die Gelegenheit ergriffen, den Steillagen um Carema neues Leben einzuhauchen, auf dass Carema wieder den Platz eines der allerbesten Italienischen Weines einnimmt. Steile alte verlassene Terrassen wurden und werden gesäubert, instand gestellt und Kleinparzelle um Kleinparzelle wieder in Produktion gebracht. Namen wie Sorpasso, Monte Maletto und Muraje waren die ersten Protagonisten, gefolgt von Cantina Togliana, Chiussuma und Sopravvento und weiteren Vorkämpfern. Der Zusammenhalt und die Dynamik unter den jungen Akteuren ist bemerkenswert, es weht ein neuer Wind im gärenden Carema! Der Arbeitsaufwand pro Hektar Rebland beläuft sich auf rund 1800 Stunden pro Jahr, das ist rund dreimal mehr als in Barolo/Barbaresco, man rechne und vergleiche die aufgerufenen Preise für die beiden Weine. Jeder Tropfen ist jeden einzelnen Cent wert, wenn man sich den immensen Aufwand vor Augen führt.
Die besondere Lage von Carema bringt besondere Bedingungen mit sich. Stetige Winde im Tal, der unnachahmliche in die Landschaft eingebettete Terrassen-Pergola-Anbau, die Höhenlage zwischen 300 und 600 Meter, die ringsum hohen Berge und die Kastanienwälder oberhalb der Weinbergs-Terrassen und Felsen sorgen für weitaus kühlere Anbaubedingungen als 100 Kilometer weiter südlich in der Langhe. In der Reifephase sorgen kühle Nächte und warme Tage für eine ideal ausgeprägte Aroma-Entwicklung in den Trauben, Säure und frische Gerbstoffe bildend. Granit und Glimmerschiefer bilden den felsigen Untergrund, die Terrassen meist aufgefüllt mit Sand und Steinen vom Talgrund. Auf den Terrassen unter den Pergolen wurde früher – heute weniger – auch Gemüseanbau betrieben, Agrarboden war und ist rar in der rauen Bergwelt. Die Ernte findet in der Regel Anfang-Mitte Oktober statt, dann wenn die Tage oft noch warm sind und die Nächte herbstlich kühl, prädestinierte Wachstumsbedingungen für den Nebbiolo.
| Den Wein am eigenen Leib spüren – Erfahrungsbericht aus der Weinbergwelt
Am 10. Oktober 2025 bei strahlendem Sonnenschein und ansteigend warmen Tagestemperaturen durfte ich mit Gian Marco Viano von Monte Maletto – zusammen mit seinen zwei Winzerfreunden Michele und Francesco – in seiner Cru-Lage La Costa penibel gepflegte und perfekt ausgereifte Trauben ernten. Der Weg zum Rebberg ist schmal und steil, der Zugang zu den Terrassen mit den Pergolen ist nur via schmale Pfade und steile Treppenstufen zwischen Trockensteinmauern und zuweilen grossen Felsblöcken zu erreichen. Die Aussicht aufs altertümliche schöne Dorf und seinem Kirchturm, das enge Tal und die umliegenden Berge entschädigt für die aufopferungsvolle und heroische Arbeit, die Trauben zu ernten und in Kisten sicher runter ins Tal zu tragen. Die Trauben hängen unter dem Pergola-Dach, sind somit vor Hagel, direktem Sonnenschein und grösseren Fressfeinden gut geschützt. Ein idealer Witterungsverlauf mit ausreichend Sonnentagen und Niederschlägen sowie die penible biologische Weinbergsarbeit von Gian Marco sorgten für schöne Trauben für einen zweifellos vielversprechenden Jahrgang. Der Lese anschliessend folgte das Einkellern der Trauben durch Quetschen der ganzen Trauben mit den Füssen, das ganze in heiterer Stimmung bei 70er/80er/90er Canzoni-Klängen. Die schonende Maischestandzeit dauert vergleichsweise lange, je nach Jahrgang bis zu 30 bis 40 Tage, die Winzer führen eine feine Klinge mit händischer Pigeage (Hinuntertauchen des Tresterhutes in den Saft), mit dem Ziel einer schonenden Extraktion der Inhaltsstoffe.
| Leichtfüssige Speisenbegleiter aus den Alpen
Die Weine aus Carema und generell vom Fuss der Alpen lassen sich leichter mit Speisen kombinieren als die schwereren, reiffruchtigeren und alkoholreicheren Pendants aus Barolo und Barbaresco, die Flaschen einfacher geleert. Risotto, Polenta & Bandnudeln mit saisonalen Zutaten wie zum Beispiel mit Steinpilzen, Kastanien und Alpkäse bilden kongeniale Kombinationen.
Seit über zehn Jahren verfolge ich die aktuelle Entwicklung von Carema – die jungen Winzerhelden vollbringen unter gigantischem Aufwand wahre Weinwunder. Diese Preziosen gehören auf jede gut sortierte Weinkarte im Alpenraum. Neugierigen Weinliebhabern, aufgeschlossenen Sommeliers und kühnen Weinhändlern lege ich ans Herz, den Carema kennen- und lieben zu lernen. Carema gehört längst zu meinen absoluten Lieblingsweinen und die spröde Schönheit der Gegend hat mich schon lange in ihren Bann gezogen.