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REB Wein Blog

REB Weine erzählen alle ihre ganz eigenen Geschichten und diese lest Ihr hier. Von Traube, Boden, Klima und natürlich Mensch.

REB Wein Geschichte N°46

Die Renaissance des Alto Piemonte

Das Nordpiemont gehört zu unseren absoluten Lieblingsregionen. Hier wachsen urtümliche und überaus authentische Alpenweine, wie man sie sonst nirgendwo findet. Obwohl viele Weintrinker derzeit nach genau diesen echten, ungekünstelten Weinen suchen und obwohl das Nordpiemont direkt an die Schweiz angrenzt, ist die Region bei uns noch immer weitestgehend unbekannt. Das floskelhafte Sprichwort «Warum auch in die Ferne schweifen, denn das gute liegt so nah» passt beim Nordpiemont perfekt.

Domodossola gehört fast zur Schweiz. Sogar das GA der SBB gilt bis in die norditalienische Alpenstadt und am Wochenmarkt hört man genauso viele Leute Schweizerdeutsch reden wie Italienisch. Ja, die guten Produkte des Piemonts mögen die Schweizer Ausflügler, dass das Piemont aber auch weinmässig gleich südlich der Alpen beginnt, ist den meisten nicht bekannt. Das Nordpiemont gehört immer noch zu den bestgehüteten Geheimnissen der europäischen Weinszene und ist damit ein Ort für wahre Entdecker. Wie der französische Jura, das Beaujolais oder die Ätnaregion in den letzten Jahren immer mehr Liebhaber für sich gewinnen konnten, scheint auch das Nordpiemont vor seiner Wiederentdeckung zu stehen – nerdige New Yorker Sommeliers feiern den Landstrich bereits. Und das hat einige Gründe. Allen voran natürlich die Weine, die hier in den Alpen auf natürliche Weise leicht und elegant gelingen, über frische Gerbstoffe und ein grosses Reifepotenzial verfügen und dabei so wunderbar ungekünstelt sind, wie man es sich als Verfechter artisanaler Weine nur wünschen kann. Nebbiololiebhaber, denen heutige Barolo- oder Barbarescoweine zu reiffruchtig oder alkohollastig sind, werden die Nordpiemontesen lieben.
 
Erst vor wenigen Wochen waren wir wieder einmal in der Region unterwegs. Auch wir waren begeistert von den lokalen Produkten, die der Herbst hier mit sich bringt. Vom Risotto aus den Ebenen von Novara/Vercelli, von der Polenta, den Pilzen aus den Hügeln des Monte Rosa, vom Wild und natürlich von den feinen lokalen Käsesorten wie Bettelmatt und Toma. Und natürlich zogen uns auch die lokalen Weine, , die oben genannte Speisen perfekt begleiten, einmal mehr in ihren Bann. Die Trauben des Nordpiemonts wachsen in Rebbergen, wie man sie sich schöner kaum vorstellen kann. Teilweise versteckt auf Waldlichtungen, teilweise in urtümlichen Pergola-Anlagen gezogen, aber oft auch ganz modern an Drahtrahmen. Wir genossen es, mit den bescheidenen Winzerpersönlichkeiten zu sprechen, von denen mittlerweile viele zur REB Wein-Familie gehören. Die Realitäten der Winzerbetriebe im Nordpiemot sind sehr unterschiedlich und dennoch eint sie das Streben nach einer besseren Zukunft für die Region. Die alten, schummrigen Keller von Winzern wie Mauro Franchino oder Odilio Antoniotti haben genauso ihren Reiz wie neuere Projekte, allen voran das Weingut Colombera & Garella, das zur Speerspitze einer neuen Winzergeneration gehört. Holzgeschwängerte, überreife oder gar gekocht wirkende Weine findet man hier nicht, was mitunter der Verdienst von Cristiano Garella ist, der nicht nur ein eigenes Weinprojekt verfolgt, sondern viele Betriebe in der Region als Önologe berät. Die Lage in den Alpen lässt die Produktion moderner Blockbuster-Weine wohl ganz einfach nicht zu. Natürlich ausbalancierte, ungekünstelte Tropfen sind hier der Standard und moderne Kellertechnik erscheint damit überflüssig.
 
Die Nicht-Existenz von Modeweinen oder neuen Strömungen ist aus heutiger Sicht erfrischend, doch sie ist auch ein wichtiger Grund dafür, dass die Weine des Nordpiemonts heute weitgehend unbekannt sind. Die kargen Nordpiemontester sind nun mal nicht für den modernen Mainstream gemacht. Doch das war nicht immer so. Bis Ende des 19. Jahrhunderts gehörten die Weine des Nordpiemonts zum besten, was Italien zu bieten hatte. Heute unbekannte Appellationen wie Gattinara, Ghemme oder Lessona galten als legendär. Rund 40 000 Hektar waren damals mit Reben bepflanzt. Heute sind es gerade mal noch 700. Auch wenn die Tendenz der letzten Jahre klar nach oben zeigt, ist die begrenzte Verfügbarkeit ein Grund dafür, dass wenige Flaschen den Weg ins Ausland finden – auch wenn dieses noch so nahe liegen mag.
 
Angebaut werden im Nordpiemont in erster Linie Nebbiolo, der hier auch Spanna heisst, sowie die der Region eigenen Rotweinsorten Vespolina, Uva Rara und Croatina. Die weisse Königin ist die autochthone Erbaluce. Jede Appellation, ja jede Unterregion und jeder Rebberg haben hier ihre ganz eigenen Vorzüge. Nur schon die Bodenstrukturen in den Alpen sind enorm vielfältig. Man findet hier Moränen-, Meersand-, Lehmböden und sogar Lagen von vulkanischem Ursprung. Ein vorzeitlicher Supervulkan prägte die Gegend genauso wie später der Fluss Sesia und das Monte Rosa Massiv im Norden.
 
Als wir vor wenigen Wochen im Nordpiemont waren, hatte die Ernte gerade begonnen. Von dem, was wir sahen, können heute viele Gegenden nur träumen. Die Trauben waren nahezu perfekt und das grösste Problem für die Winzer waren weder fehlende Reife noch Überreife noch Fäulnisbefall – sondern der Appetit auf Trauben von Wildtieren wie Rehen, Dachsen oder Wildschweinen. Weingegenden wie dem Nordpiemont gehört die Zukunft und das liegt lange nicht nur an der Klimaveränderung, die anderen Gegenden zu schaffen macht, sondern am Gesamtpaket aus Klima, Böden, Geschichte und Menschen, das man so kein zweites Mal auf der Welt findet.